Gemeindebrief 223

Mai, Juni und Juli 2018

Berge



Vergesst die Gastfreundschaft nicht;
durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2 

Ostermontag 1984
Meine Abiturprüfungen lagen hinter mir, bis zur Bekanntgabe der Noten und der Zeugnisvergabe waren noch etliche Wochen Zeit. Also machte ich mich auf die Reise. Zuerst nach Rom, wo ich einige Zeit verbrachte, dann nach Südfrankreich, schließlich (mal wieder) nach Taizé. Dort traf ich unverab-redet Bekannte von früheren Besuchen dort. Gemeinsam entstand bei uns die Idee, von Taizé in Burgund zu der Communauté de Grandchamp, einem ökumenischen Frauenorden am Neuchateller See in der Schweiz, der ebenfalls nach der Regel von Taizé lebt, zu laufen.
Zu dritt machten wir uns eines Morgens auf den Weg. Wir wussten nichts anderes als das Ziel unserer Wanderung und den ungefähren Weg. Smartphones mit GPS gab es noch nicht, lediglich hatten wir uns vorher mit Hilfe einer Karte einige Orte als Orientierungsstationen gemerkt. Unterkünfte waren  nicht gebucht. Wir hätten dafür auch gar kein Geld gehabt. Also standen wir jeden Abend vor derselben Frage: Wo können wir schlafen. Und jeden Abend machten wir von Neuem die erstaunliche Erfahrung, dass wir immer einen Schlafplatz fanden:
Beim Förster, bei einem Pfarrer, in einem Kloster, mehrere Male in Ställen oder Scheunen bei Bauern. Manches Mal fanden wir nicht nur einen Schlafplatz, sondern zusätzlich noch liebevolle Bewirtung und anregende Begegnungen. Und die „Engel“ waren dabei für mich nicht wir, sondern die, die uns so selbstverständlich aufnahmen.
Seitdem  sehe ich in Gastfreundschaft einen besonderen Ausdruck gelebter Nächstenliebe.
In unserer Welt, in der wir Menschen immer näher zueinander rücken, in der die Grenzen der Länder und Nationen täglich medial überschritten werden, und in der wir das Schicksal unzähliger Menschen täglich frei Haus fernsehen, wird mir „Gastfreundschaft“ zu einem wichtigen Bild für das so notwendige aneinander Anteilnehmen, für das miteinander Teilen dessen, was wir haben und vor allem für unsere offenen Türen und Herzen. - Und das längst nicht nur aus einem sozialen Gewissen, sondern weil wir damit rechnen können, dass unter den Menschen, die wir empfangen und aufnehmen genau die Menschen sind, die uns mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer Sicht auf die Welt helfen können, unser Zusammenleben offen und unsere Weltgemeinschaft gastfreundlich für alle zu gestalten.
Ich glaube, dass wir das dringend brauchen.         

 

 

Gemeindebrief 222

Februar, März und April 2018

Schreiben

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben
von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6



Lassen Sie sich gerne etwas schenken?
Vielleicht ja zu Weihnachten oder zum Geburtstag - aber einfach mal so zwischendurch ohne Anlass und ohne vorherigen Wunschzettel?
Vielen Menschen fällt es eher schwer, sich einfach so etwas schenken zu lassen.
Dazu kommt bisweilen die verbreitete Ansicht, dass das, was nichts kostet, auch nichts ist. Etwas von Wert hat auch seinen Preis.
So funktioniert unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System.
Und nun hören wir mit der Losung für 2018 davon, dass Gott umsonst gibt - Lebenselixier aus der Quelle lebendigen Wassers.
Nach der Logik unseres Systems kann das also nichts Rechtes sein, wenn es umsonst ist, also nichts kostet.
Gottes Logik ist offensichtlich anders. Denken wir uns von Gott aus, erkennen wir, dass wir die wesentlichen Dinge des Lebens gratis bekommen. GRATIS - dieses Wort wurzelt in dem lateinischen Wort gratia - Gnade. Gnade rechnet nicht die Kosten aus und fragt nicht nach Verdienst.
Die wesentlichen Dinge des Lebens:
Da ist zuerst unser Atem. Mit jedem Atemzug empfangen wir Leben vom ersten Atemzug an bis zum letzten - Atmend wird uns das Leben geschenkt, einfach so.
Oder: In schweren Zeiten haben wir plötzlich Kraft - woher und wieso wissen wir manchmal nicht. Im Rückblick fragen wir uns, wie wir das denn geschafft haben - und sagen: Die Kraft ist mir einfach zugewachsen.
In unserem alltäglichen Leben müssen wir rechnen und gegeneinander aufwiegen, um den Alltag zu bewältigen. In den wesentlichen Bereichen unseres Lebens reicht es, wenn wir uns beschenken lassen und das Geschenk als Geschenk erkennen und es annehmen. Es öffnet uns den Weg dazu, unser Leben in allen Verpflichtungen und Anforderungen als verdankt zu erkennen und dankbar zu leben.    

 

Gemeindebrief 221

November und Dezember 2017 und Januar 2018

Geburt

Gott spricht:
Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein
und sie sollen mein Volk sein. (Ez 37, 27)

Haben Sie Lust zur Kontaktaufnahme? Dann melden Sie sich doch mal bei ihm. Spätestens in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember wird er auch persönlich kommen.

                                                                                                         Ihre

 

 

Gemeindebrief 220

August, September und Oktober 2017

Reformation

Reformation - so heißt das Thema dieses Gemeindebriefs.

Martin Luther
ist der Name, der sich für die meisten Menschen als erstes mit dem Thema verbindet. Ebenso kennen viele Menschen den berühmten Satz    

                                             „Hier stehe ich und kann nicht anders“,

der dem Reformator zugeschrieben wird.

Martin Luther hat diesen Satz wahrscheinlich gar nicht selber gesagt. Er wurde ihm von einem Protokollant seiner Verteidigung auf dem Reichstag zu Augsburg 1518 in den Mund gelegt. Trotzdem gibt dieser Ausspruch eindrücklich Luthers Geistes- und Glaubenshaltung wieder - eine Haltung, mit der er in  paulinischer Tradition steht.

Paulus, der in Jerusalem gefangengenommen worden war, nach Cäsarea überführt und dort dem römischen König Agrippa vorgeführt wurde, sagt die Worte, die den Monatsspruch für August bilden. 

                      Gottes Hilfe habe erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier                                                    und bin sein Zeuge bei Groß und Klein. (Apg 26,22)

Mit ihnen bringt er dasselbe zum Ausdruck wie auch Martin Luther fast anderthalb Jahrtausende nach ihm:
Er ist ergriffen durch das Evangelium von Jesus Christus als einer Wahrheit, die er nicht verleugnen kann.
Würde er es tun, würde das für ihn einer Verleugnung Gottes gleichkommen.
Beide, Paulus ebenso wie Martin Luther, sind bereit, dafür alle Konsequenzen zu tragen.
Mich beeindrucken beide in ihrer Haltung sehr.
Und ich frage mich:
Wie können wir heute ebenso „fromm“ im guten Sinn, also überzeugt in der Sache und fest im Glauben sein und zugleich nicht dogmatisch, ausgrenzend oder gar fanatisch sein?
Ich sehe darin eine der großen Herausforderungen unserer Kirche und von uns Christenmenschen  heute:
Klar und erkennbar zu sein in unserem Glauben  UND weit und offen in unserem Reden und Handeln.
Ob uns das gelingen kann?
Ich wünsche es mir.

Gemeindebrief 219

Ausgabe 219  Mai, Juni und Juli 2017

Lebenszeiten

Eure Rede sei allzeit freundlich und mit Salz gewürzt.
(Kol 4,6 - Monatsspruch für Mai)

Kommunikation - das ist ein Wort, dem man häufig begegnet.Die Kommunikation muss funktionieren - sagt man.Wenn die Kommunikation stimmt, ist schon (fast) alles gewonnen.An Angeboten zur Fortbildung im Bereich Kommunikation mangelt es nicht:

  • zur Kommunikationstrainer/in
  • zur Gewaltfreien Kommunikation
  • zur Unterstützenden Kommunikation im Bereich Rhethorik...

Vieles, was man auf solchen Fortbildungen lernt, ist nützlich und hilfreich. Es erhellt, woran es immer wieder hakt, wenn Kommunikation an irgendeiner Stelle nicht klappt und eröffnet Lösungen zur besseren und tieferen Verständigung zwischen Menschen. Ich denke, es ist gut, sich bewusst zu werden, wie man spricht, welche Worte man benutzt, welchen Tonfall man anschlägt, wie die eigene Gestik ist, ob man verbindlich und verbindend spricht oder abgrenzend und anklagend.

Einander im Gespräch in Worten, Gestik und Haltung achtsam und wertschätzend zu begegnen, bildet einen stabilen Grund, Schwierigkeiten im Miteinander und Unstimmigkeiten in sachlichen Fragen aufzunehmen und zu Verständigungen und Lösungen zu führen.

Kommunikation ist so alt wie die Menschheit. Schon immer entscheiden sich Kriege und Frieden an gelungener oder nicht gelungener Kommunikation. Gerade in der Politik ist die Kommunikation eine hohe Kunst.

Der Monatsspruch für Mai aus dem Kolosserbrief bringt auf den Punkt, dass Freundlichkeit und Achtsamkeit dem anderen gegenüber und Klarheit in der Sache und in sich selber kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig stützen und befruchten. Alfred Delp, der durch die Nazis ermordete Jesuitenpater drückt dasselbe so aus:

Das Klare suchen, das Wahre tun, die Liebe leben: Das wird uns gesund machen.


Gesundung auf diese Weise braucht unser Miteinander in Reden und Tun im Kleinen, im Privaten wie im Großen, im Politischen so sehr! Und so wünsche ich uns allen und allen, die im Großen oder Kleinen Verantwortung tragen, Klarheit, Wahrhaftigkeit und Liebe in der Sprache ihrer Worte und Taten.

Gott befohlen. Ihre