Gemeindebrief 232

August, September und Oktober

Wald

                  Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin;
                 Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.
                                                  Ps 139,14 (Monatsspruch für August)

In den 80er oder 90er Jahren schwappte eine Welle aus Amerika zu uns, die hieß: „Ich bin ok – du bist ok“. Die Botschaft war: Hör auf, ständig an dir und anderen herum zu kritisieren. Akzeptiere dich selbst und andere und lass dich und das Miteinander nicht von nicht ständigen Vergleichen und Bewertungen bestimmt sein lassen.
Solche Denk-positiv-Sätze haben sich etabliert. „Du musst an dich glauben“ ist ein wichtiges Credo im Bereich des Sports oder in dem, was Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben. Manche
Coaching-Methoden arbeiten fast nur mit solchen Denk-positiv-Sätzen und Suggestionen.

Wie anders klingt da der Vers aus dem 139. Psalm, der Monatsspruch für August.
Kein Hauch von beschwichtigender Selbstrechtfertigung: „Ich bin ok.“, keine Aufforderung zur Selbstoptimierungsparole: „Du musst nur an dich glauben.“
Stattdessen: der Blick von sich selber weg hin zu Gott – ein Gebet.
                                  Ich danke DIR, dass ich wunderbar gemacht bin.
Nicht ich muss mich meiner selbst vergewissern und mich selbst bestätigen.
Das „Ja“ zu mir und meinem Leben ist mir längst gegeben. Es ist der Grund aus dem ich bin.
Und dieses „Ja“ ist staunenswert. Es ist weit mehr als ein „ok“. Es sagt: Du Mensch bist Teil des großen Wunders Leben, das von Gott herkommt und das kein Mensch in seiner Tiefe und Weite, in seiner Größe und Unfassbarkeit ergründen kann.
Und als Teil dieses Lebens – in das eingebunden und verbunden du lebst
                                  Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.
– bist du einzigartig und besonders. Nicht, weil du dich selbst dazu machst, nicht weil andere dich gut sprechen, sondern weil du das Leben trägst, das von Gott kommt und du gerufen bist, dieses Gottesgeschenk Leben durch dich in die Welt strömen zu lassen.
Größer kann man wohl nicht von einem Menschen denken – und auch nicht von sich selbst.                                                                                                                                                                                                                         
                                                                                       Ihre

Gemeindebrief 231

Mai, Juni und Juli

Lachen

 

Ich glaube, kaum etwas erschüttert uns so sehr, wie wenn das, was wir bislang für sicher hielten: unsere Gesundheit, unser Wohlstand, unsere Stellung, unser Friede … bedroht ist.
In den vergangenen Wochen - und womöglich auch noch in diesen Wochen hat sich wohl kaum ein Mensch den Empfindungen entziehen können, die das Auftreten und sich Verbreiten des Coronavirus hervorgerufen hat.
Die teilweise massenhaften und wenig sinnvollen Einkäufe legten ein sichtbares Zeugnis von dieser Erschütterung ab und von dem so großen Wunsch nach Verlässlichkeit und Sicherheit.
Doch diese Sicherheit haben wir nicht und können wir auch nicht herstellen. Jede Sicherheit ist immer eine wenigstens bedrohte oder sogar trügerische Sicherheit.
In der Spannung zu leben, als Menschen einerseits auf Sicherheit und Geborgenheit angewiesen zu sein und andererseits zu wissen, dass wir mit nichts unser Leben so (ver)sichern können, dass es nicht mehr bedroht ist, müssen wir leben.
Das ist theoretisch klar und praktisch bisweilen unendlich schwer.
Ich glaube sogar, dass es (fast) nur möglich ist, wenn wir uns an etwas halten, das jenseits all dessen liegt, worin wir alltäglich unsere Sicherheit gründen.
Die neutestamentlichen Schriften des Paulus und anderer Schreiber kreisen mit ihren Predigten und Mahnungen immer wieder um diese Frage. Und ihre Antwort ist immer dieselbe: Der einzige Grund und Halt im Leben wie im Sterben, der unverbrüchlich ist und wirklich sicher ist, dass wir uns in Jesus Christus gründen.
Und das wiederum entzieht sich unserem Verstand. Dass dieser Traggrund tatsächlich hält, können wir nur mit dem Schritt des Glaubens begreifen.
Mir sind diese Gedanken in diesen Wochen wieder nähergekommen und mich begleitet Paulus großer Satz aus Röm 8, 38.39:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.

 

 

Gemeindebrief 230

Februar, März und April

Rituale

          Jesus Christus spricht: Wachet!

                       Mk 13,37


Was für ein Monatsspruch! Knapper geht es kaum. Eine Aufforderung, eine Anweisung mit Ausrufezeichen fast wie ein Befehl in nur einem Wort:
Wachet!
Es ist ein Ruf, der einen seiner Ursprünge in der frühchristlichen Zeit hat. Nach Jesu Tod und Auferstehung und nach seiner Himmelfahrt lebten die Menschen in einem zeitlichen Provisorium. Sie rechneten damit, dass Jesus sehr bald - noch zu ihren Lebzeiten - wiederkäme und den Jüngsten Tag anbreche.
Die Zeichen dafür zu erkennen, bemühten sie sich, denn vorbereitet wollten sie sein. Sie wollten nicht von dem Ende der Welt überrascht werden und unvorbereitet vor Ihren Gott und Richter treten.
Nur kurz dauerte diese Zeit der sog. Naherwartung. Schon bald wurde den Menschen klar, dass der jüngste Tag und das göttliche Weltgericht nicht kurz bevor standen.
Der Ruf: Wachet! verlor dennoch nicht an Bedeutung. Die Komplet, das Nachtgebet in Klöstern, beginnt mit der Aufforderung:
Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher der Teufel schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. (1. Petr. 5, 8)
Die Wachsamkeit gilt als christliche Tugend. Sie hilft dabei, sich nicht einnehmen und verführen zu lassen von allem Möglichen, was das Leben scheinbar angenehmer und leichter macht - sei es äußerlich wie Reichtum und Anerkennung oder innerlich wie Bequemlichkeit und Selbstverliebtheit.
Die Wachsamkeit hilft dabei, dem Leben aufmerksam und achtsam zu begegnen, zu erkennen, was not tut zu tun und zugleich nicht beständig in die eigenen Lebensfallen zu stürzen, die die Bibel Versuchungen nennt.
Der Ruf zur Wachsamkeit ist und bleibt hoch aktuell:
Auch wenn wir heute kaum noch religiöse Begriffe und Deutungen heranziehen um die Bedrohungen in unserer Welt, in unserem Miteinander und für uns selbst zu benennen, sind sie dennoch teuflisch gegenwärtig und mächtig. Den meisten Raum bekommen sie durch Unaufmerksamkeit und Trägheit.
Was wir heute - vielleicht mehr denn je - brauchen, denn es steht mehr denn je das Fortbestehen unserer Welt und aller Menschlichkeit auf dem Spiel, ist Wachsamkeit verbunden mit Mut, hinzusehen und zu erkennen, wo und wie die Welt bedroht ist, es auszusprechen und zu handeln.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein hellwaches Jahr!                                           
 

 

 

Gemeindebrief 229

November, Dezember 2019 und Januar 220

Schenken

          Ich glaube, hilf meinem Unglauben.
                           Mk 9, 24

Kurz und knapp ist die Jahreslosung für das Jahr 2020 - und ebenso verwirrend. Was ist denn nun? - möchte man fragen. Glaubt dieser Mensch; der das sagt, nun, oder glaubt er nicht?

Dieser Mensch, der das sagt, ist ein verzweifelter Vater, dessen Sohn offensichtlich ein Anfallsleiden hat, das ihn selbst und seine ganze Familie an den Rand des Erträglichen treibt und an Gottes Barmherzigkeit zweifeln lässt.

Sein paradoxer Ausruf bringt sein Dilemma, seine ganze Seelennot angesichts des Leides seines Sohnes, sein Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zum Ausdruck.
Und ich finde mich bei dem Gedanken: Wie gut, dass der Evangelist Markus von diesem Vater berichtet!
Heilsam ehrlich und wahrhaftig kommt er mir mit seiner Zerissenheit entgegen. So anders erlebe ich, was in unserem Zusammenleben - vor allem in jedem öffentlichen Auftreten in Politik und Gesellschaft gefordert ist. Oft gilt dort: Recht hat, wer einen Standpunkt hat und diesen Standpunkt möglichst laut vertritt. Antworten, die eindeutig sind und keine Zweifel zulassen, werden als wohltuend empfunden in unserer komplexen und komplizierten Welt, die einen einzelnen Menschen leicht überfordern kann. Zweifel und Unsicherheiten sind nicht das, was Orientierung und Halt geben können.
Gut kann ich die hinter dieser Haltung liegende Sehnsucht nach Sicherheit verstehen. Und trotzdem glaube ich: Was nötig ist - in unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation - was auch nötig ist für uns als Kirche - ist gerade nicht die Demonstration von Unangefochtenheit. Was nötig ist, ist Wahrhaftigkeit. Eine Wahrhaftigkeit bei den Verantwortlichen, die ihre Erschütterung, ihr Zweifeln, ihre Verzagtheit erst nehmen und mit nehmen und zum Antrieb werden lassen zu fragen und zu suchen - die mit ihren Fragen, Zweifeln und Unsicherheiten miteinander um Lösungen und Wege zu ringen, die unsere Gesellschaft und auch unsere Kirche dem Leben dienen lassen. Nicht um Antworten ohne Fragen, nicht um Stärke gegen Ohnmacht, nicht um Glauben jenseits von Zweifeln kann es gehen. Sondern darum, Antworten wegen der Fragen zu finden, Stärke, die um die Ohnmacht weiß, und Glauben, der vom Zweifel lebendig gehalten wird.
Deshalb: Mutiges Zweifeln und Fragen auf Ihren Wegen im neuen Jahr wünsche ich Ihnen!
                                                                                                                        Ihre

 

 

Gemeindebrief 228

August, September und Oktober 2019

Ernten

Die Welt brennt.
Das Klima bereitet Menschen größte Sorgen. Wir fragen, ob seine Erwärmung noch anzuhalten ist.
Naturkatastrophen - Überschwemmungen - Dürre - Tsunamis nehmen zu.
Immer wieder flammen (fast) überall auf der Welt bewaffnete Konflikte auf.
Die Schere zwischen Reich und Arm vergrößert sich.
Es sind so viele Menschen weltweit auf der Flucht, wie nie zuvor.
Der Bedarf, aktiv zu werden, sich zu engagieren ist groß.
So nötig ist es, dass nicht nur wenige, sondern viele - alle Menschen - das Ihre dazu tun, um die Welt auf Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hin  zu gestalten.
Mitten in dieser Situation begegnet uns ein Satz von Jesus, der unseren Blick von außen nach innen, hin zu uns selbst lenkt.                                                                                                                         
           „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne
             und nähme doch Schaden an seiner Seele? „
             Mt 16,26 (Monatsspruch für September)


Über die „Nachfolge“ spricht Jesus, als er diesen Satz sagt. Das meint, dass ein Leben in den Spuren Jesu nicht geht, ohne voll und ganz mit dem ganzen Menschsein beteiligt zu sein.
Als Menschen werden wir sichtbar mit unserer Seele - mit dem „Ort“, in den Gott uns die von ihm herkommende Würde eingepflanzt hat.
Können wir die Würde in uns selbst erkennen, erkennen wir sie auch in unseren Mitmenschen und in der ganzen Schöpfung.
Das eine geht nicht ohne das andere.
Das ist eine Weisheit, die auf unterschiedliche Weise tief in vielen Religionen und Kulturen verankert ist.
Der Indianerhäuptling Seattle hat sinngemäß gesagt: Was wir der Welt, der Natur und den Tieren antun, dass tun wir uns selber an.
Wo wir Gewalt und Aggression tolerieren, eigenen Vorteil ohne Rücksicht verfolgen, uns von Machtlust und Besitzstreben leiten lassen, verletzen wir nicht nur andere, sondern auch uns selbst. Dann verfehlen wir unser Menschsein.
Deswegen braucht Achtsamkeit immer alle drei Dimensionen: den Blick zu den anderen, den Blick zu sich selbst und beides getragen von dem Blick auf Gott.    

                                                                                                       Ihre

 

 

Gemeindebrief 227

Mai, Juni und Juli 2019

Zusammenleben in Hüls

Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser schönen Sommerszeit an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier und siehe wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.
                                                   Text von Paul Gerhard - eg 503

Während ich diesen Gedanken schreibe, ist der 1. April. Ich sitze am Schreibtisch und die Sonne wärmt mir den Rücken. Es ist herrliches Frühlingswetter. Es zieht mich raus in den Garten, in den Wald, in die Natur. Täglich bricht neues Grün hervor. Wenn dieser Gemeindebrief erscheint, wird es kaum noch kahle Bäume und Sträucher geben und die erste Blüte wird vorbei sein.
Es ist ein Wunder - jedes Jahr von Neuem: das Aufbrechen des Lebens, das Grünen und Blühen und ebenso später im Jahr das Wachsen und Reifen, die Ernte und auch das (scheinbare) Ruhen der Natur im Winter.
Die Natur in ihren Jahreszeiten ist ein Wunder, das selbst nüchterne Menschen das Staunen lehrt. Und kaum jemand, der nicht aufatmet, wenn die Tage länger werden und die Sonne beginnt zu wärmen.
Paul Gerhard, dem Dichter dieses Liedes aus unserem Gesangbuch, war die Natur in ihrer Schönheit Erweis der Gegenwart und der Treue Gottes. Nach dem Dreißigjährigen Krieg mit seiner furchtbaren Bilanz an getöteten Menschen und verwüsteten Landschaften und Orten, war der stete Kreislauf der Natur ein Bild für das Fortbestehen des Lebens und deshalb tröstlich.
Die Bedrohung des Lebens heute hat eine andere Dimension erreicht als zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Denn über die durch Krieg bedrohten Menschen und Städte hinaus ist die gesamte Natur hier bei uns ebenso wie weit weg von uns schon längst so schwer verwundet, dass nicht mehr alle ihre Wunden werden heilen können, in den Regenwäldern Asiens und Südamerikas und in den Steppen Afrikas und anderswo. Jetzt ist es an uns - Menschen - für die  Natur zu Zeichen für Gottes Gegenwart und Treue zu werden.
Wir leben in einer Welt, in der alles Leben aufeinander angewiesen und in einem wechselseitigen Dienst einander zugewiesen ist. Der Natur zu dienen, damit die Vielfalt des Lebens auf dem Land und im Wasser, in Pflanzen und Tieren erhalten bleibt und die Natur als absolut schützenswert und die Welt als Lebensraum für alles, was lebt zu begreifen, darin sehe ich  die Aufgabe, die uns aus dem Staunen an der Natur, an Frühling und Sommer erwächst, - damit sich auch die Generationen nach uns noch freuen können, wenn der Frühling kommt und es Sommer wird.         Ihre

 

 

Gemeindebrief 226

Februar, März und April 2019

Kochen

Ein neues Jahr hat begonnen und wie jedes Jahr gibt es einen Vers aus der Bibel, der das Jahr wie ein Motto begleitet. Dieses Jahr stammt die Jahreslosung aus Psalm 34, Vers 15 und lautet:

            Suche Frieden und jage ihm nach!

Frieden - ja!
Wer wollte wohl keinen Frieden. Noch nicht lange ist es her, da haben wir ihn zugesagt gehört, als die Engel auf dem Feld den Hirten die Botschaft von der Geburt des Heilands verkündeten:
Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens! (Lk 2, 14)
Zugesagt - angesagt - als Gottes Gabe und Setzung an die Welt - uns, der Menschheit, gegeben - so begegnet uns der Friede an Weihnachten.
Doch nach Weihnachten, wenn der Gesang der Engel verstummt ist, wenn die Hirten wieder bei ihren Herden sind, der Stern untergegangen ist und die Weisen zurückgekehrt sind, dann erst beginnt das Werk von Weihnachten - so heißt es in einem irischen Weihnachtslied.
Dann ist es an uns, wahrzumachen, was mit der Geburt Jesu schon wahrgeworden ist: Wie das Kind wächst und erwachsen wird, will auch der Friede genährt werden, dass er wächst und groß wird.
Denn so wie die Wurzel des Friedens in Gottes Sein für uns Menschen und für unsere Welt liegt, so liegt das Wachstum des Friedens an uns.
Frieden braucht Menschen, die ihn suchen, denen er ein Herzensanliegen ist, so dass sie sich nicht abfinden, wenn er nicht da ist oder wenn er verschwindet. Frieden braucht Menschen, die  ihm nachjagen, ihre Kraft und Energie - innerlich wie äußerlich - geben, um ihm einen festen, unnehmbaren Platz  in der Welt, im Miteinander von Völkern und Nationen, Menschen eines Landes und einer Gesellschaft, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Familie - einfach überall zu geben.
Ohne die Tat in Worten und Handeln bleibt Friede nichts als eine schöne Idee.
Frieden geht nicht mit „ein bisschen Frieden“. Frieden geht nur ganz oder gar nicht. Er ist radikal. Er geht in die Tiefe und in die Weite und lässt nichts aus . Vor allem geht er nicht ohne Menschen oder an ihnen vorbei.
Frieden braucht uns - jede und jeden Einzelne/n.
Dass wir alle Wege des Friedens gehen werden - das wünsche ich uns für dieses Jahr 2019.
                                                               Ihre

 

 

Gemeindebrief 225

November und Dezember 2018 und Januar 2019

Fremd

           „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind...“

So lautet die erste Liedzeile aus dem bekannten Kinderweihnachtslied, das Wilhelm Hey 1837 gedichtet hat und zu dem Friedrich Silcher 1842 die Melodie geschrieben hat.

Und genauso ist es auch: Jedes Jahr wieder beginnen wir mit der Adventszeit die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Wir gestalten diese Vorbereitung mit vertrauten Ritualen und gleichzeitig sind diese Vorbereitung und das Weihnachtsfest jedes Jahr etwas so Besonderes als sei es ganz neu.           Sicher hat das damit zu tun, dass diese Zeit des Advents und das Weihnachtsfest wie keine andere an Kindheitszeiten und an eine tiefe Sehnsucht von uns rührt. Und das ist nicht alles.

Mit jedem Weihnachten, das wir feiern, erinnern wir uns nicht nur an die Geburt Jesu und daran, dass der große, allmächtige und unbegreifliche Gott den Weg zu uns sucht, indem er in einem Menschen unser Leben geteilt hat.  

Wir feiern auch, dass Gott diesen Weg immer wieder geht.Und so viel und oft die Geschichte von Jesu Geburt wiederholt und erzählt werden will, so oft will sie auch neu gelesen und gehört werden und befragt werden, was das Kommen Gottes als Mensch in unsere Welt genau in diesem Jahr bedeutet.Vor dem Hintergrund der nicht aufhörenden Debatte über Heimat und Grenzen und der Frage, wieviel Fremde und Fremdes wir in diesem Land verkraften, mag die diesjährige Botschaft von Weihnachten sein, dass Gott selbst den Weg in die Fremde gesucht hat - sozusagen raus aus seinem ureigenen göttlichen Wesen hinein in unsere menschliche Wesensart. Und so ist die Konsequenz für uns, dass wir im übertragenen Sinn denselben Weg gehen: raus aus den uns vertrauten und eigenen Lebensweisen hinein in die Begegnung mit dem, was uns fremd erscheint.Theologisch gesprochen setzte Gott mit seiner Geburt in Jesus Christus den Anfang seines Erlösungswegs für uns, der sich an Ostern vollendet.Gesellschaftlich gesprochen gehen wir Schritte zur Erlösung unserer, in sich selbst, in Ängsten und Empfindlichkeiten gefangenen Gesellschaft, wenn wir uns nicht einspinnen lassen von Abgrenzungsparolen und Angstmacherei, sondern freimütig Schritte der Begegnung auf die hin tun, die uns fremd sind.Ich bin sicher, dass wir dann ein Weihnachtsfest erleben, durch das zugleich auch Ostern scheint.                                                                           Ihre 

 

 

Gemeindebrief 224

August, September und Oktober 2018

Geduld

 

„Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm“
1. Joh 4, 16 - Monatsspruch für August

In seinen persönlichen Erinnerungen an Frère Roger Schutz, den reformierten Pastor und Gründer der ökumenischen Brüderkommunität von Taizé, erzählt Klaus Hamburger, der mehr als drei Jahrzehnte als Bruder in Taizé gelebt hat:
„Einmal saß er (Roger Schutz) mit seiner Großmutter im sonntäglichen Gottesdienst. Der Pfarrer predigte mit großem Einsatz. Nach einer Weile fragte sich der kleine Roger: Der Arme, wenn er das alles selber leben muss, was er da sagt, das schafft er nie und nimmer.
Er teilte sich seiner Großmutter mit, zu der er grenzenloses Vertrauen hatte. Sie war auch dieses Mal nicht um eine Antwort verlegen. Was immer der Pfarrer da vorne von sich gibt, meinte sie, stell dir einfach vor, dass er immer nur sagt:
Gott ist die Liebe,
Gott ist die Liebe,
Gott ist die Liebe.
Das fand Roger großartig, und dabei blieb er.“               
                                          aus: ders. Danke, Frère Roger Umschlagtext

Unser Glaube ist vielschichtig und facettenreich. Er ist gewachsen. Er wurzelt im Judentum. Er hat wesentliche Prägungen durch die griechische und die römische Philosophie erfahren. Er ist angereichert worden mit Aspekten und Elementen orientalischer und germanischer Religionen u.a.m.
Man kann die Bibel ein Leben lang studieren und Bücher über sie schreiben und wird sie dennoch nie ausschöpfend erfassen können. 
Wo Worte und Abhandlungen an ihre Grenzen geraten,
reicht ein einziges Wort:  Liebe.
                              Gott ist die Liebe.
Mehr ist nicht nötig , um unseren Glauben zu verstehen .
Dieses eine Wort, dieser eine Satz will sich entfalten.
In jeder Lebenssituation und mit jeder Begegnung, die man hat, will es durchbuchstabieret werden um sich mit Lebensgeist und Lebenstat zu füllen.                           
Gott ist die Liebe.
Das ist Zuspruch und Anspruch für uns, die wir glauben.
Dieser Satz reicht für ein ganzes Leben und darüber hinaus.                                                                        

                                                                                                        Ihre

 

 

Gemeindebrief 223

Mai, Juni und Juli 2018

Berge



Vergesst die Gastfreundschaft nicht;
durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2 

Ostermontag 1984
Meine Abiturprüfungen lagen hinter mir, bis zur Bekanntgabe der Noten und der Zeugnisvergabe waren noch etliche Wochen Zeit. Also machte ich mich auf die Reise. Zuerst nach Rom, wo ich einige Zeit verbrachte, dann nach Südfrankreich, schließlich (mal wieder) nach Taizé. Dort traf ich unverab-redet Bekannte von früheren Besuchen dort. Gemeinsam entstand bei uns die Idee, von Taizé in Burgund zu der Communauté de Grandchamp, einem ökumenischen Frauenorden am Neuchateller See in der Schweiz, der ebenfalls nach der Regel von Taizé lebt, zu laufen.
Zu dritt machten wir uns eines Morgens auf den Weg. Wir wussten nichts anderes als das Ziel unserer Wanderung und den ungefähren Weg. Smartphones mit GPS gab es noch nicht, lediglich hatten wir uns vorher mit Hilfe einer Karte einige Orte als Orientierungsstationen gemerkt. Unterkünfte waren  nicht gebucht. Wir hätten dafür auch gar kein Geld gehabt. Also standen wir jeden Abend vor derselben Frage: Wo können wir schlafen. Und jeden Abend machten wir von Neuem die erstaunliche Erfahrung, dass wir immer einen Schlafplatz fanden:
Beim Förster, bei einem Pfarrer, in einem Kloster, mehrere Male in Ställen oder Scheunen bei Bauern. Manches Mal fanden wir nicht nur einen Schlafplatz, sondern zusätzlich noch liebevolle Bewirtung und anregende Begegnungen. Und die „Engel“ waren dabei für mich nicht wir, sondern die, die uns so selbstverständlich aufnahmen.
Seitdem  sehe ich in Gastfreundschaft einen besonderen Ausdruck gelebter Nächstenliebe.
In unserer Welt, in der wir Menschen immer näher zueinander rücken, in der die Grenzen der Länder und Nationen täglich medial überschritten werden, und in der wir das Schicksal unzähliger Menschen täglich frei Haus fernsehen, wird mir „Gastfreundschaft“ zu einem wichtigen Bild für das so notwendige aneinander Anteilnehmen, für das miteinander Teilen dessen, was wir haben und vor allem für unsere offenen Türen und Herzen. - Und das längst nicht nur aus einem sozialen Gewissen, sondern weil wir damit rechnen können, dass unter den Menschen, die wir empfangen und aufnehmen genau die Menschen sind, die uns mit ihrer Lebenserfahrung und ihrer Sicht auf die Welt helfen können, unser Zusammenleben offen und unsere Weltgemeinschaft gastfreundlich für alle zu gestalten.
Ich glaube, dass wir das dringend brauchen.         

 

 

Gemeindebrief 222

Februar, März und April 2018

Schreiben

Gott spricht:
Ich will dem Durstigen geben
von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Offenbarung 21,6



Lassen Sie sich gerne etwas schenken?
Vielleicht ja zu Weihnachten oder zum Geburtstag - aber einfach mal so zwischendurch ohne Anlass und ohne vorherigen Wunschzettel?
Vielen Menschen fällt es eher schwer, sich einfach so etwas schenken zu lassen.
Dazu kommt bisweilen die verbreitete Ansicht, dass das, was nichts kostet, auch nichts ist. Etwas von Wert hat auch seinen Preis.
So funktioniert unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System.
Und nun hören wir mit der Losung für 2018 davon, dass Gott umsonst gibt - Lebenselixier aus der Quelle lebendigen Wassers.
Nach der Logik unseres Systems kann das also nichts Rechtes sein, wenn es umsonst ist, also nichts kostet.
Gottes Logik ist offensichtlich anders. Denken wir uns von Gott aus, erkennen wir, dass wir die wesentlichen Dinge des Lebens gratis bekommen. GRATIS - dieses Wort wurzelt in dem lateinischen Wort gratia - Gnade. Gnade rechnet nicht die Kosten aus und fragt nicht nach Verdienst.
Die wesentlichen Dinge des Lebens:
Da ist zuerst unser Atem. Mit jedem Atemzug empfangen wir Leben vom ersten Atemzug an bis zum letzten - Atmend wird uns das Leben geschenkt, einfach so.
Oder: In schweren Zeiten haben wir plötzlich Kraft - woher und wieso wissen wir manchmal nicht. Im Rückblick fragen wir uns, wie wir das denn geschafft haben - und sagen: Die Kraft ist mir einfach zugewachsen.
In unserem alltäglichen Leben müssen wir rechnen und gegeneinander aufwiegen, um den Alltag zu bewältigen. In den wesentlichen Bereichen unseres Lebens reicht es, wenn wir uns beschenken lassen und das Geschenk als Geschenk erkennen und es annehmen. Es öffnet uns den Weg dazu, unser Leben in allen Verpflichtungen und Anforderungen als verdankt zu erkennen und dankbar zu leben.    

 

Gemeindebrief 221

November und Dezember 2017 und Januar 2018

Geburt

Gott spricht:
Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein
und sie sollen mein Volk sein. (Ez 37, 27)

Haben Sie Lust zur Kontaktaufnahme? Dann melden Sie sich doch mal bei ihm. Spätestens in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember wird er auch persönlich kommen.

                                                                                                         Ihre

 

Gemeindebrief 220

August, September und Oktober 2017

Reformation

Reformation - so heißt das Thema dieses Gemeindebriefs.

Martin Luther
ist der Name, der sich für die meisten Menschen als erstes mit dem Thema verbindet. Ebenso kennen viele Menschen den berühmten Satz    

                                             „Hier stehe ich und kann nicht anders“,

der dem Reformator zugeschrieben wird.

Martin Luther hat diesen Satz wahrscheinlich gar nicht selber gesagt. Er wurde ihm von einem Protokollant seiner Verteidigung auf dem Reichstag zu Augsburg 1518 in den Mund gelegt. Trotzdem gibt dieser Ausspruch eindrücklich Luthers Geistes- und Glaubenshaltung wieder - eine Haltung, mit der er in  paulinischer Tradition steht.

Paulus, der in Jerusalem gefangengenommen worden war, nach Cäsarea überführt und dort dem römischen König Agrippa vorgeführt wurde, sagt die Worte, die den Monatsspruch für August bilden. 

                      Gottes Hilfe habe erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier                                                    und bin sein Zeuge bei Groß und Klein. (Apg 26,22)

Mit ihnen bringt er dasselbe zum Ausdruck wie auch Martin Luther fast anderthalb Jahrtausende nach ihm:
Er ist ergriffen durch das Evangelium von Jesus Christus als einer Wahrheit, die er nicht verleugnen kann.
Würde er es tun, würde das für ihn einer Verleugnung Gottes gleichkommen.
Beide, Paulus ebenso wie Martin Luther, sind bereit, dafür alle Konsequenzen zu tragen.
Mich beeindrucken beide in ihrer Haltung sehr.
Und ich frage mich:
Wie können wir heute ebenso „fromm“ im guten Sinn, also überzeugt in der Sache und fest im Glauben sein und zugleich nicht dogmatisch, ausgrenzend oder gar fanatisch sein?
Ich sehe darin eine der großen Herausforderungen unserer Kirche und von uns Christenmenschen  heute:
Klar und erkennbar zu sein in unserem Glauben  UND weit und offen in unserem Reden und Handeln.
Ob uns das gelingen kann?
Ich wünsche es mir.

 

Gemeindebrief 219

Ausgabe 219  Mai, Juni und Juli 2017

Lebenszeiten

Eure Rede sei allzeit freundlich und mit Salz gewürzt.
(Kol 4,6 - Monatsspruch für Mai)

Kommunikation - das ist ein Wort, dem man häufig begegnet.Die Kommunikation muss funktionieren - sagt man.Wenn die Kommunikation stimmt, ist schon (fast) alles gewonnen.An Angeboten zur Fortbildung im Bereich Kommunikation mangelt es nicht:

  • zur Kommunikationstrainer/in
  • zur Gewaltfreien Kommunikation
  • zur Unterstützenden Kommunikation im Bereich Rhethorik...

Vieles, was man auf solchen Fortbildungen lernt, ist nützlich und hilfreich. Es erhellt, woran es immer wieder hakt, wenn Kommunikation an irgendeiner Stelle nicht klappt und eröffnet Lösungen zur besseren und tieferen Verständigung zwischen Menschen. Ich denke, es ist gut, sich bewusst zu werden, wie man spricht, welche Worte man benutzt, welchen Tonfall man anschlägt, wie die eigene Gestik ist, ob man verbindlich und verbindend spricht oder abgrenzend und anklagend.

Einander im Gespräch in Worten, Gestik und Haltung achtsam und wertschätzend zu begegnen, bildet einen stabilen Grund, Schwierigkeiten im Miteinander und Unstimmigkeiten in sachlichen Fragen aufzunehmen und zu Verständigungen und Lösungen zu führen.

Kommunikation ist so alt wie die Menschheit. Schon immer entscheiden sich Kriege und Frieden an gelungener oder nicht gelungener Kommunikation. Gerade in der Politik ist die Kommunikation eine hohe Kunst.

Der Monatsspruch für Mai aus dem Kolosserbrief bringt auf den Punkt, dass Freundlichkeit und Achtsamkeit dem anderen gegenüber und Klarheit in der Sache und in sich selber kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig stützen und befruchten. Alfred Delp, der durch die Nazis ermordete Jesuitenpater drückt dasselbe so aus:

Das Klare suchen, das Wahre tun, die Liebe leben: Das wird uns gesund machen.

Gesundung auf diese Weise braucht unser Miteinander in Reden und Tun im Kleinen, im Privaten wie im Großen, im Politischen so sehr! Und so wünsche ich uns allen und allen, die im Großen oder Kleinen Verantwortung tragen, Klarheit, Wahrhaftigkeit und Liebe in der Sprache ihrer Worte und Taten.

Gott befohlen. Ihre